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Freispiel in der Tagesstätte St. Nikolaus
Wenn Kinder intensiv und selbstvergessen spielen, lernen sie auch. Sie lernen nach ihrem Tempo, ihrem Wissensstand, meist ganz spontan und nach ihren individuell geprägten Bedürfnissen. Freispielzeit ist immer auch Lernzeit und sollte nicht unterschätzt werden. Im Gegenteil, stimmen mit einer gut vorbereiteten Umgebung die Voraussetzungen, ist Freispiel die „Königsdisziplin“ des Lernens.
Spiel wird unterschätzt: Das freie, spontane Spiel wird oft als nutzlose, weil scheinbar lernfreie Zeit unterschätzt. Erst wenn der Erwachsene im Mittelpunkt steht, etwas anleitet und vormacht, wird richtig gelernt. Ein Kind, oder allgemein, ein Mensch, scheint nach landläufiger Auffassung erst dann zu lernen, wenn er mit einer Art „Nürnberger Trichter“ gefüllt wird. Ein Beleg dafür sind die übermäßig vielen Kurse und Angebote, bei denen Kindern möglichst frühzeitig etwas vermittelt werden soll.
Das Gegenteil ist der Fall: Kinder lernen aus sich heraus von Anfang ihres Lebens an. Sie bringen die dafür erforderlichen genetischen Dispositionen mit auf die Welt. Schon Säuglinge sind kompetente Menschen, die selbsttätig lernen, sich von sich aus forschend die Welt aneignen, bzw. die Welt in sich kreieren und dabei ihre Umgebung aktiv beeinflussen. Kein Mensch bringt kleinen Kindern das Laufen bei, das lernen sie von selbst. Niemand kann Kindern das Sprechen erklären. Diese Fähigkeit bringen sie sich nach dem „Trial & Error“-Prinzip in einem bewundernswerten und unermüdlichen Aneignungsprozess selbst bei. Diese Beispiele lassen sich mühelos fortsetzen. Die Erkenntnis, dass junge Menschen nicht mit Wissen gefüttert werden müssen, um zu ihrem Lernen zu kommen, ist keineswegs neu. Goethe sprach davon, dass die Jugend nicht belehrt, sondern angeregt sein wolle. Der Erfinder der Kindergärten, Friedrich Fröbel, wollte, dass Kinder ihren Fragen nachgehen können und wollte damit ihre Lernprozesse unterstützen. Maria Montessori weist mit ihrem Credo: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Auch auf die Selbsttätigkeit des Kindes hin. Heute weiß man auf Grund neurobiologischer Forschungen, dass Kinder sich die Welt durch Eigenaktivität mit allen Sinnen aneignen, das heißt, konstruieren müssen. Dabei kommen ihnen ihre Neugier und Lernlust, ihr Lernwille und ihr unbändiger Wunsch, die Welt bis ins Detail zu erforschen, entgegen. Würden Kinder in dem Tempo der ersten Lebensjahre weiter lernen, wären wir alle Genies. Die Frage, die uns Pädagogen nachhaltig bewegen muss, ist, weshalb diese Leistung in wenigen Jahren so deutlich nachlässt. Das ist sicher nicht nur die Folge neurobiologischer Entwicklung, sondern auch abhängig vom Umfeld.
Bei der Umkehrfrage, was zu tun ist, damit die Motivation zu lernen, möglichst lange hält, rückt für den Kindergarten das so genannte Freispiel in einer gut vorbereiteten Umgebung (Settings) besonders in den Vordergrund. Begleitetes Freispiel, bei dem der Erwachsene im Hintergrund präsent ist und die Kinder das Geschehen eigenständig ausfüllen, ermöglicht viele Erfahrungen, die die Lust am Lernen fördern und am Leben erhalten.
Nur in dieser Zeit bekommt ein Kind den unmittelbaren Eindruck, aus eigenem Antrieb heraus wirksam zu sein. Diese Erfahrung, aus den innersten Impulsen heraus etwas zu bewirken und für dieses Tun die uneingeschränkte Anerkennung und Bestätigung durch Erwachsene – die sich in ihrem Vertrauen und in den Möglichkeiten, die den Kindern eröffnet werden, ausdrückt – zu bekommen, bestätigt die ernsthafte Auseinandersetzung zur Aneignung von Welt. Dieses beantwortete Wirken erst ermöglicht den Aufbau eines positiven Selbstkonzeptes, fördert den Mut, Neues zu lernen und sich auf weitere Erfahrungen einzulassen.
„Ein positives Selbstbild kann sich nur herausbilden, wenn der Erfolg einer Handlung als selbst verursacht und nicht zufallsbedingt oder fremdbestimmt erlebt wird. Aus diesem Grund ist das Bereitstellen von Situationen, in denen das Kind selbstständig aktiv handeln kann, von großer Wichtigkeit.“
Lernen wird erst komplett, wenn Kinder die Gelegenheit haben, ihre inneren Strukturen ihren neuen Erfahrungen und Erlebnissen anzugleichen. Sie müssen ausdrücken und im Spiel nachvollziehen und nacherleben können, was sie beeindruckt hat. Damit Informationen und Impulse richtig verarbeitet und Lernprozesse wirklich abgeschlossen werden können, brauchen Kinder Zeit für von außen ungelenktes Spiel.
Im Freispiel wird zudem nach dem „Versuch und Irrtum“ verfahren, ohne eine Wertung von außen und ohne sorge vor Fehlern weiter geforscht. In diesen freien Situationen lässt sich gut „so tun als ob“, also nachspielen, was erlebt und erfahren wurde und dabei etliche Variationen (was wäre, wenn ...) durchspielen, probeweise in die Rolle anderer schlüpfen usw. Hier entstehen kreative Lösungen für die Fragen der Kinder. Hier entstehen neue Fragen zum Verständnis von Welt.
Während in den Angebotsgruppen Erwachsene etwas zeigen wollen (was die Kinder natürlich vorher für sich ausgewählt haben), handeln die Kinder im Freispiel spontaner in einem vielfältigen und differenzierten Rau- und Materialangebot. Sie entscheiden dabei, ob die Gruppe, zu der sie gerade gehören, oder die Sache, mit der sie sich gerade beschäftigen, ihrem Interesse entspricht, ob also soziale Lernprozesse oder Sachfragen Gegenstand ihrer Forschungsbemühungen sind. Sie sind mit ihrer Aufmerksamkeit immer da, wo ihre Lerninteressen liegen und bringen nach ihrem Tempo und ihrem Erkenntnisstand ihre Entwicklung voran. Sie sorgen somit für ihre Zufriedenheit und ihr Lebensglück.
Hinweis: Für die Kinder ist die Angebotszeit oft nicht abgeschlossen. Sie sollen auch im Freispiel die Gelegenheit haben, die neuen Impulse weiter zu verarbeiten. Material, Werkzeug und Möglichkeit stehen ihnen im Freispiel also meist noch offen. So können sie ihre neuen Erfahrungen vertiefen, eigene Experimente machen und Ideen verfolgen. Andere Kinder kommen hinzu und es bildet sich eine neue Lerngemeinschaft gleichinteressierter Kinder.
Während sich ein Kind in der Angebotszeit überwiegend auf die Erzieherin und ihre Impulse einlässt, werden im Freispiel die Kinder wichtiger. Jetzt ist Zeit für die eigenständige Beziehungsgestaltung. Die Kinder lernen, miteinander umzugehen, sich durchzusetzen Hierarchien anzuerkennen (was übrigens oft viel besser ohne den Erwachseen mit seinem „Sinn für Gerechtigkeit“ geht) und Konflikte auszutragen. Das behaupten, Anteil zu nehmen und gemeinsam Interessen zu verfolgen, macht Mut und Lust auf die Welt mit ihren Herausforderungen und Abenteuern, die es in einem Team gleich gesinnter emotional gefüllt zu erleben gilt. Ein Kind macht so die Erfahrung, seinen Kräften und Fähigkeiten unabhängig vom Erwachsenen zu vertrauen.
Im Freispiel entstehen oft kleine Gruppen von Kindern, die sich über einen Zeitraum mit einer Sache, einem Thema beschäftigen. Bei der Beobachtung dieser Gruppen und dem interessierten Belauschen ihrer Gespräche, können wir feststellen, dass diese Kinder fragend, forschend, diskutierend, streitend, handelnd und nachahmend ihren Fragen gemeinsam nachgehen. Dies geschieht mit dem Ziel, hinterher mehr zu wissen, mehr zu können. Sie bilden – oft nur für kurze Zeit – Lernteams mit anderen Kindern. Ist eine Frage zur Genüge beantwortet, ein Thema vorläufig abgehandelt, lösen sich diese Gruppen wieder auf und die Kinder wenden sich anderen Lerngemeinschaften zu. Lerngemeinschaften sind für uns Kindergruppen, die eine Zeitlang die gleichen Interessen und Fragen verfolgen. Dabei geht es oft nicht allein um das Thema. Immer ist soziales Lernen mit im Spiel. Immer auch lernen Kinder die Balance zwischen Selbstbehauptung, Durchsetzungsvermögen und Konkurrenz auf der einen, und Rücksichtnahme, sich einlassen und Kooperation auf der anderen Seite. Für uns wird deutlich, wie sehr Kinder andere Kinder für ihr Lernen brauchen.